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Unkompliziert, durchschnittlich, ohne Effekthascherei und doch mitten im Leben. Stellt man sich so eine Künstlerin in Berlin vor? Man vermisst geradezu das Gehabe, den schrillen Auftritt… Können Medienleute auch mal ganz normal sein?

Keren Cytter kann. Eigentlich stammt sie aus Israel, ist im Westjordanland aufgewachsen. Sie studierte in Tel Aviv und Amsterdam. Berlin ist ihre Heimat geworden. Sie sieht sich nicht so sehr als Medienfrau, eher als Künstlerin. Um so bemerkenswerter ist ihr zurückhaltendes Auftreten. Denn da gibt es bereits einiges, worauf sie stolz verweisen kann: Seit 2006 hat sie mehrere Kunstpreise gewonnen, war auf der Biennale in Venedig dabei. Gerade wurde sie für den „Future Generation Art Prize“ nominiert. Insidern ist sie also durchaus ein Begriff und von dem, was sie macht, kann sie leben. Das will schon etwas heißen.

Cytter dreht Soaps ohne Perfektionsanspruch. Das Fehlen jeglichen professionellen Equipments ist zu ihrem Markenzeichen geworden. Licht ist Glücksache, als Location müssen mangels Studio Wohnräume herhalten. Und was die Darsteller angeht, man kennt ja eine Menge Leute… Dass die nicht alle eine Schauspielausbildung haben, wen stört’s? Maske und Styling sind sowieso überflüssiger Schnickschnack; das würde nur ablenken….und los geht’s. Drehbuch: Cytter, Regie: Cytter, Casting: Cytter, Kamera: Cytter, Schnitt: Cytter……

Und genau da liegt ihre Stärke: Einfach loslegen, anstatt Jahre zu überlegen, wie man eine Finanzierung auf die Beine stellt, wie man Profis gewinnt und und und. Sie hat nicht gewartet, sie hat einfach angefangen und so eine Eigendynamik geschaffen, die letztlich akzeptiert worden ist. Wenngleich vieles so unprofessionell wirkt, dass es fast schon weh tut, sehen die Zuschauer doch mehr, als nur einen glatten Film. Sie sehen gleichzeitig, wie er entstanden ist. Es wirkt ein wenig so, wie das, was wir sonst als „Making of…“ serviert bekommen. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass ein Darsteller thematisiert, dass das blöde Kabel ihn eben fast zu Fall gebracht hätte. Kein Grund zum Schneiden, das gehört zur Handlung – fertig.

Ungeschminkt wie die Akteure ist die Handlung. In echten Umfeldern spielen die echten Bewohner. Das verleiht jeglichem Handlungsablauf quasi einen Glaubwürdigkeitsvorschuß. Und hat für die Regisseurin den angenehmen Nebeneffekt, dass ihr nicht jeder ins Konzept zu reden versucht, was bei Profis allzu leicht passieren könnte. Das ist Soap pur, echten Leuten beim echten Leben zuzusehen. Gelegentlich sehen auch die Darsteller natürlich mal fern und die Verquickung zwischen TV-Handlung und Filmhandlung gibt interessante Effekte. Ebenso wird mit dem „Soap-Effekt“ durch die Unterlegung banaler Alltagsszenen mit protziger Telenovela-Musik gespielt.

Massentaugliche Unterhaltung ist das alles nicht. Schon weil es keine einfachen Handlungsstränge gibt. Man muss sich anstrengen, um im vermeintlichen Wirrwarr die Botschaft zu verstehen. Tabus werden reihenweise gebrochen. Nennenswerte Quoten sind damit kaum zu erreichen, kein Sender würde versuchen, das Material als regelmäßiges Format einzusetzen. Die Anerkennung von Cytters Arbeiten kommt mehr als positives Feedback aus der Kunstszene. Folglich findet man sie nicht im Kino, sondern eher in einer Galerie. Das Kunstmagazin „Art“ bespricht ihre Filme, unter Künstlern ist sie durchaus ein Begriff.

Die Wahl des Mediums Film ist durchaus eine rationale. Cytter könnte auch schreiben oder malen. Hat sie auch schon versucht, ebenso wie Tanztheater. Aber sie hat rational abgewogen, womit Verbreitung erzielbar ist. Und da liegen Soap-Videos nun mal vorn.